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Besser mit Allen ein Narr, als allein gescheut,sagen politische Köpfe. Denn, wenn Alle es sind, steht man hinter Keinem zurück; und ist der Gescheute allein, wird er für den Narren gelten. So wichtig ist es: dem Strohme zu folgen. Bisweilen besteht das größte Wissen im Nichtwissen oder in der Affektation desselben. Man muß mit den übrigen leben, und die Unwissenden sind die Mehrzahl. Um allein zu leben, muß man sehr einem Gotte, oder ganz einem Thier ähnlich seyn. Doch möchte ich den Aphorismus ummodeln und sagen: besser mit den Uebrigen gescheut als allein ein Narr: denn Einige suchen Originalität in Schimären.

"Hand-Orakel No. 133"



Der Weise sei sich selbst genug. Jener *), der sich selbst Alles in Allem war, hatte, als er sich selbst davon trug, alles Seinige bei sich. Wenn Ein universeller Freund Rom und die ganze übrige Welt zu seyn vermag; so sei man sich selbst dieser Freund, und dann wird man allein zu leben im Stande seyn. Wen wird ein solcher Mann vermissen, wenn es keinen größern Verstand und keinen richtigern Geschmack als den seinigen giebt? Dann wird er bloß von sich abhängen, und es ist die höchste Seeligkeit, dem höchsten Wesen zu gleichen. Wer so allein zu leben vermag, wird in nichts dem Thiere, in Vielem dem Weisen und in Allem Gott ähnlich seyn. (Vgl. Nr. 133.)

*) Diogenes.

"Hand-Orakel No. 137"



Die Kunst der Unterhaltung besitzen:denn sie ist es, in der ein ganzer Mann sich produciert. Keine Beschäftigung im Leben erfordert größere Aufmerksamkeit: denn gerade weil sie die gewöhnlichste ist, wird man durch sie sich heben oder stürzen. Ist Behutsamkeit nöthig, einen Brief zu schreiben, welches eine überlegte und schriftliche Unterhaltung ist; wie viel mehr bei der gewöhnlichen, in der die Klugheit eine unvorbereitete Prüfung zu bestehen hat. Die Erfahrenen fühlen der Seele den Puls an der Zunge, und deshalb sagte der Weise *): "Sprich, damit ich dich sehe." Einige halten dafür, daß die Kunst der Unterhaltung gerade darin bestehe, daß sie kunstlos sei, indem sie locker und lose, wie die Kleidung, seyn müsse: von der Unterhaltung zwischen genauen Freunden gilt dies wohl; allein, wann mit Leuten, die Rücksicht verdienen, geführt, muß sie gehaltvoller seyn, um eben vom Gehalt des Redenden Zeugniß zu geben. Um es recht zu treffen, muß man sich der Gemüthsart und dem Verstande des Mitredenden anpassen. Auch affektire man nicht, Worte zu kritisiren; sonst wird man für einen Grammatikus gehalten: noch weniger sei man der Fiskal der Gedanken, sonst werden Alle uns ihren Umgang entziehen und die Mittheilung theuer feil haben. Im Reden ist Diskretion viel wichtiger, als Beredsamkeit.

*) Sokrates


"Hand-Orakel No. 148"